Dienstag, 27. Oktober 2015

Meine Eltern und die Flüchtlinge

Es ist nicht so, als ob ich wüsste, was ich eigentlich sagen will, aber ich werd heute Nacht nicht mehr schlafen können, bevor ich jetzt nicht wenigstens umschreibe, was hier gerade los ist. Tatsächlich würd ich politische Diskussionen in oder unter diesem Post nämlich lieber vermeiden. Einfach weil ich's in letzter Zeit nurnoch als unglaublich anstrengend empfinde. Ich muss aber irgendwie trotzdem den eine millionsten Post zum Thema Flüchtlinge machen. Und das, obwohl ich dazu ursprünglich nie was schreiben wollte.

Versteht mich nicht falsch: diese Posts sind wichtig und ich mag es sie zu lesen. Die Blogger, denen ich folge, haben alle ziemlich coole Sachen geschrieben, wenn sie sich zu dem Thema geäußert haben. Schon deswegen hatte ich nicht mehr das Gefühl, dass ich noch irgendetwas dazu beitragen könnte (oder müsste). Ich rechne ja irgendwie auch damit, dass denjenigen, welche meinen Blog verfolgen, ohnehin klar ist, welche Meinung ich diesbezüglich vertreten würde.

Letztendlich geht es in diesem Post aber auch nicht um Politik, sondern um persönliche Befindlichkeiten. Und darum, dass ich mich von der politischen Gesamtsituation irgendwie emotional überfordert fühle - obwohl sie mich ja eigentlich nicht mal persönlich betrifft.

Was mich aber betrifft ist die aktiv- bis passive Aggressivität, die plötzlich jeder an den Tag zu legen scheint.

Das Problem ist hier meine Familie und vor allem das Verhalten meiner Eltern. Meine Eltern, die gefühlt fast täglich in mein Zimmer kommen, mir schnell eine Geschichte erzählen und genauso schnell wieder verschwunden sind. Sie schlendern durch die Tür, werfen einen kurzen Blick über meine Schulter und erzählen mir ganz nebenbei, was irgendwelche Flüchtlinge wieder verbrochen hätten oder gerade verbrechen würden. Dabei versuchen sie so neutral und unbekümmert zu wirken, wie es ihnen nur irgendwie möglich ist. So wie man etwa wirkt, wenn man jemandem erzählt, wie wohl das Wetter morgen werden könnte. Ganz beiläufig und belanglos. Vielleicht auch mit einem ironisch wirkenden Kopfschütteln. Und bevor man sich überhaupt umdrehen kann, sind sie schon wieder verschwunden, stehen in der Küche und machen sich einen Kaffee.

So sehr meine Eltern das letztlich auch versuchen, es fühlt sich einfach nicht so an, als ob sie nur über das Wetter reden. Es fühlt sich eher so an, als ob ich Veganer wäre und sie mir erzählen würden, wie wichtig doch der Fleischkonsum sei. Oder als ob ich Fleischesser wäre und sie mir erzählen würden, dass Fleischkonsum ja eigentlich gewissenloser Mord ist. Es klingt unterschwellig aggressiv, aber akkustisch harmlos und belehrend. Als ob im Subtext ihrer vermeintlich neutralen Erzählung eine versteckte Botschaft liegt, welche es für mich zu entschlüsseln gilt. Nur, dass ich eben nicht wissen will, wie diese Botschaft lautet, während sie mir aber immer und immer wieder, auf einem metaphorischen Silbertablett liegend, angetragen wird. Wie eine Diskussion, die ich niemals führen wollte und von der sich meine Eltern einfach nicht eingestehen wollen, dass sie sie mir gerade aufdrängen.

Sie diskutieren ja aber auch nicht wirklich mit mir. Sie teilen mir schließlich nur so am Rande die neusten Neuigkeiten mit. Völlig unverbindlich. Oder sie lesen mir witzige Social-Media-Fundstücke vor, die eben zufällig alle mit Flüchtlingen zu tun haben. Und rein zufällig sind die Flüchtlinge in den Geschichten halt immer die Bösen. Aber dafür können meine Eltern ja nix. Die Geschichten wurden ihnen eben so erzählt. Und wenn es Internet-Kommentare sind, dann hat die ja schließlich jemand anderes geschrieben. Sie selbst sind ja nur der unbefangene Überbringer dieser Nachricht. Könnte ja sein, dass es mich interessiert. Täglich. Zu jeder Zeit. Ständig.

Und jedes Mal wenn irgendwas passiert, stehen sie wieder hinter mir, erzählen mir das neuste Ereignis oder verlesen den neuesten Kommentar. Sie wissen immer Bescheid, wenn es in den Unterkünften Krawalle gibt oder wenn irgendjemand neue Argumente gefunden hat, warum "wir" nicht so viel helfen sollten. Wenn aber wieder Flüchtlingsheime brennen, Hakenkreuze gesprüht oder Menschen diskriminiert werden, erzählen sie mir das komischerweise nie. Ist aber vielleicht auch einfach Zufall. Vielleicht verpassen sie diese Informationen. Vielleicht denken sie, das wüsste ich sowieso schon. Vielleicht interessiert es sie aber auch einfach nicht genug. Ich weiß es nicht.

Ich versteh aber auch nicht so wirklich warum sie das ständig machen, schon weil ich mit meinen Eltern ansonsten doch eher selten über Politik rede. Mein generelles Bedürfnis das zu tun ist eher gering bis nicht vorhanden. Aber aus einem geistesabwesenden Schulterzucken und einem geradezu leidenschaftlich monoton klingenden "Aha" scheinen sie das derzeit nicht unbedingt ablesen zu können. In letzter Zeit fühl ich mich daher immer häufiger zur politischen Stellungnahme gedrängt. Oder zum Abnicken der als als Erzählung getarnten Argumente.
Genau genommen hat das alles aber auch erst in letzter Zeit angefangen. Als vor wenigen Monaten nämlich noch Willkommenskultur die Medien dominierte, hielten sie sich verhältnismäßig bedeckt. Jetzt aber, wo die Stimmung wieder kippt, häufen sich plötzlich auch diese Erzählungen. Und sie häufen sich einfach zu sehr.

Warum muss mittlerweile jedes zweite Gespräch mit einem Elternteil in irgendeiner Form Flüchtlinge beinhalten?
Was wollen die letztlich damit erreichen?
Wollen sie sich durch diese unpersönliche Form der Erzählung von der dahinter stehenden Meinung distanzieren? Soll das ein Gefühl der Objektivität vermitteln?
Soll mich diese einseitig-beiläufige Berichterstattung langfristig zu bestimmten Schlüssen verleiten? 
Wollen die ihre eventuelle Meinung in diesem Haushalt schonmal salonfähig machen, damit sie sie bald endlich aussprechen können?
Wollen sie eine Diskussion vom Zaun brechen auf die ich garkeinen Bock habe?
Wollen sie mich dazu bringen, dass ich diese Diskussion anfange, weil sie ja schließlich "nur Ereignisse wiedergegeben" bzw. "Social Media Kommentare zitiert" haben?
Soll ich dazu gebracht werden diese Diskussion anzufangen, damit sie endlich mal ihre Meinung rauslassen können, obwohl die mich überhaupt nicht interessiert?
Oder interpretiere ich diese ganzen Geschichten zu Unrecht als übermäßig passiv-aggressiv und sie wollen mir wirklich nur Geschichten erzählen?

Ich weiß es nicht. Und ehrlich gesagt können die von mir aus auch denken was sie wollen. Sie sollen sich nichtmal für ihre Meinung schämen - falls sie das tun - sondern einfach zu ihren eigenen Ansichten stehen. Letztenendes denkt doch sowieso jeder, was er eben denkt. Und wenn ich politisch nicht auf einer Linie mit meinen Eltern stehen sollte, dann wär das eben so. So läuft ja auch Demokratie.

Was ich dagegen nicht brauche, ist die ständige Rechtfertigung einer Ansicht, nach welcher ich selbst nie gefragt habe. Die Konsistenz der eigenen Ansichten müssen meine Eltern nämlich nicht vor mir, sondern letztendlich vor allem vor sich selbst rechtfertigen können. Und wenn sie sich eine eigene Meinung gebildet haben und ich sie argumentativ nicht von dieser abbringen kann, dann muss ich das so oder so tolerieren. Meinen Segen oder gar meine Zustimmung werden sie dabei ohnehin nicht bekommen. Sie sind oder waren ja allerdings auch nie darauf angewiesen.



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