Freitag, 4. Juli 2014

Alleinsamkeit

Ich war also wirklich auf diesem Geburtstag, um herauszufinden, dass ich nicht wirklich auf einem Geburtstag sein wollte. Es war überdurchschnittlich okay, vielleicht trau ich mich auch nicht zu sagen "gut". Und wenn es gut war, dann wahrscheinlich hauptsächlich deswegen, weil es so geburtstagsuntypisch war und alles mehr wie eine Anhäufung parallel verlaufender Dialoge wirkte. Zwischen denen konnte ich dann hin und herwechseln, mal mit Gruppe A reden, mal mit Gruppe B. Manchmal konnte ich sogar Gruppe A vormachen mit Gruppe B zu reden, während Gruppe B dachte, dass ich bei Gruppe A bin, um geistig so'n bischen außerhalb von allen abhängen zu können, ohne dass mich irgendjemand fragt, ob alles okay ist.

Mehr als okay.

Die Sache mit dem Studieren gestaltet sich zunehmend komisch, weil ich immer wieder gefragt werde, warum man sich denn noch nie gesehen hat. Dabei hab ich den Fragenden in der Regel sogar schon gesehn. Ich bin also doch deutlich unauffälliger, als mein Unterbewusstsein mir chronisch einzureden versucht. Hab ja auch kein akademisches Leben außerhalb der von mir besuchten Lehrveranstaltungen und fall deswegen durch ein eventuelles "Jeder kennt jeden"-Raster, wie es in den Fachschaften neuerdings vorzuherrschen scheint. Beabsichtigt, irgendwie. Der Mittelpunkt ist n unangenehmer Ort zum Atmen.

Dafür beleg ich eben freiwillig Lehrveranstaltungen anderer Fachrichtungen. Germanistik. Irgendwie auch um das Gefühl zu haben meine Freizeit weniger zu verschwenden, was echt schon ziemlich gut funktioniert, so ganz nebenbei.

Die Leute in Germanistik sind toll. Kein Sarkasmus. Wenn ich dann irgendwann auch mal ankomme und die Andern schon da sind, während keiner mit keinem redet und jeder seine eigene 3-Meter-Radius-Komfortzone aufrecht erhält und wahlweise auf den Boden oder sein Smartphone starrt, um bloß keinen Blickkontakt mit den Koexistierenden herzustellen, frag ich mich schon, ob ich nicht vielleicht die falsche Fachrichtung für mich gewählt hab. (Und ob ich nicht doch anfangen sollte ein Smartphone besitzen zu wollen.)

Ich bin nämlich nach wie vor unglaublich gerne allein. Am besten so allein wie möglich. Ich hab in letzter Zeit sogar öfter das Gefühl, dass ich noch deutlich alleiner sein sollte als ich es eh schon bin. Gleichzeitig aber eben auch nicht. Denn die vermeindliche Einsamkeit hat was bedrückendes; Natürlich.

Sind ja auch die Wenigsten wirklich gerne allein, aber immer wenn ich's nicht bin, will ich's sein. Ich treff mich in letzter Zeit vermehrt mit Menschen um mich in Situationen wiederzufinden in die ich nie kommen wollte. Aber ich hör trotzdem nicht damit auf. Warum?

Hauptsächlich weil ich mir das Ziel gesetzt hab sowas wie soziale Kontakte zu haben. Außerhalb des Internets. Soziale Kontakte mit denen ich mich treffen muss um sie zu behalten. Die ich behalte um mich besser zu fühlen. Besser fühlen immer dann, wenn sie eben nicht da sind. Wenn ich alleine bin.

Alibikontakte also, die meinem Unterbewusstsein das Gefühl geben ab und an allein sein zu dürfen. Weil ich mir das verdient hätte. Weil ich ja vorher unter Menschen war. Weil ich nicht nutzlos war. Weil ich mich "richtig" verhalten hab. Ob ich das jetzt genossen hab oder nicht. Und manchmal tu ich das sogar. Aber hauptsächlich muss ich mich eben beweisen. Mir selbst.

Und genau da liegt auch mein Problem mit dem allein sein: Ich kann es nicht vor mir selbst rechtfertigen. Und ich hab das Gefühl, dass ich das müsste. Die tatsächliche Abwesenheit Anderer auf der anderen Seite, stört mich eigentlich garnicht. Im Gegenteil. Das Problem ist nur, dass ich weiß, dass sie das irgendwie sollte. Immerhin sagen das doch alle.

Es ist der Gedanke, dass ich alleine bin der mich stört. Nicht das allein sein an sich. Und er stört mich, glaube ich, weil er mich stören soll. Weil man mir gesagt hat, dass er das tut. Weil man mir gesagt hat, dass man nicht immer allein sein soll. Weil das was Schlechtes ist.

Aber was wenn nicht? Was wenn mir das in Wirklichkeit gefällt?