Sonntag, 10. November 2013

Zombiewalk (A Zombie's Life Gewinnspiel)

„Also wenn du willst“, hatte ich in meinem Kopf gesagt, „können wir ja noch mal drüber nachdenken.“ Und sie hatte genickt. Vielleicht sogar gelächelt. Wahrscheinlich.

Positiver Indikator. Aber natürlich alles nur Fiktion. Ist nicht so, dass ich mir hier wirklich Hoffnungen mache. Ich würde ihr auch nicht mehr hinterherlaufen, hätte sie nicht noch ihren Mp3-Player bei mir liegen lassen. Gehört mir nicht. Ich beweise nur, dass ich drüber hinweg bin, indem ich ihr das Teil zurückgebe. Muss ihn übersehen haben, als sie vor 2 Monaten ihre Sachen bei mir abholen wollte. Und Dienstag, als ich ihr ihre Zahnbürste zurückgebracht hab. Die hatte ich wohl auch übersehen.
Aber hey, 'n Mp3-Player ist wichtiger als 'ne Zahnbürste. Auch wenn die Lauter-Taste seit 3 Monaten kaputt ist. Irgendwann hat man das Ding dann auch so leise gestellt, dass man nichts mehr hört. Aber so rein theoretisch funktioniert er ja noch. Man hört nur eben nichts mehr. Außerdem beweise ich ja auch nur, dass ich drüber weg bin. Das zählt auch irgendwie als Grund.

Sechzehn Uhr Dreiundfünfzig. Mein Blick fällt wieder auf den Fahrplan. Geradezu erwartungsvoll springen meine Augen durch die Zeilen. Vielleicht glaube ich für einen Moment sogar, dafür sorgen zu können, dass die nächste Linie anfährt, wenn ich nur lange genug auf die Ziffern starre, welche mir symbolisieren sollen, dass sie es, zumindest in der Theorie, schon längst hätte tun sollen.
Netter Versuch, Idiot. Die Straße scheint geradezu ausgestorben. Nichts was mich davon abbringt, weiterhin flehend in die Richtung zu starren, aus welcher der Bus normalerweise gekommen wäre, aber etwas was verhindert, dass er es tut. Nicht zum ersten Mal.
Und nicht zum ersten Mal nehme ich mir vor, mich irgendwann deswegen bei irgendwem zu beschweren, wenn ich auch ziemlich genau weiß, dass es mir, immer wenn ich gerade nicht darauf angewiesen bin, doch eigentlich völlig egal ist.
Sechzehn Uhr Achtundfünfzig. Noch zwei Minuten, dann laufe ich. Vielleicht. Auch wenn ich weiß, dass Busse es generell vorziehen in dem Moment abzufahren, in welchem ich einen solchen Beschluss endlich durchbekommen hab. Um mir dann wenige Meter von der Haltestelle entfernt ihre Existenz zu offenbaren.
Außerdem tut mein Knöchel weh. Ich ziehe vorsichtig mein rechtes Hosenbein hoch um zu überprüfen ob der Verband noch da ist.
Ist er.
Also bin ich scheinbar auch immer noch verletzt. Ich kann also gar nicht laufen.

Siebzehn Uhr Zwei. Ich laufe.
Wenn ich am Ende draufgegangen sein sollte, müssen sie diesen Teil aus meiner Grabrede streichen. Überhaupt ist Inkonsequenz nun wirklich keine Eigenschaft, die sie mir später noch nachsagen müssen. Zumindest wenn es nach mir geht. Was nicht heißt, dass es nicht stimmen würde.

„Ich kann das nicht mehr.“, sagt sie leise und wirkt verzweifelt. „Ich bin auch nicht perfekt. Wirklich nicht. Aber das was du machst…“, sie stockt und ich weiche ihren flehenden Blicken aus. Sie lügt nicht. Sie hält sich für alles andere als Fehlerlos. Dabei ist sie ein viel besserer Mensch als sie glaubt. Ich wünsche mir, dass sie das wüsste.
„Bist du wirklich glücklich damit?“, fragt sie mich, ohne dabei vorwurfsvoll zu klingen. Ich sehe immer noch nach unten. Zucke mit den Schultern. Natürlich nicht.
„Ich will dich wirklich nicht ändern“, fährt sie vorsichtig fort, „aber glaubst du nicht, du solltest irgendwie mehr aus deinem Leben machen?“. Sie blickt mich erwartungsvoll an.
„Es ist nur…“, fange ich leise an. Aber sie weiß schon was jetzt kommt: “Die hassen dich nicht.“, ihre Verzweiflung macht sie wütend. Und sie ist schön, wenn sie wütend ist. „DU bist dein einziges Problem!“. Mit einer schnellen Handbewegung wischt sie die pechschwarzen Strähnen aus ihrem Gesicht. „Und wenn du nichts änderst, verbessert sich auch nichts. Du kannst dich doch nicht immer einfach nur vor allem verstecken!“.
Dann wendet sich um. Bleibt im Türrahmen stehen. Ich höre, dass sie versucht, nicht zu weinen.
„Tut mir Leid“, meint sie kaum hörbar, „aber das mit uns…“, sie beendet den Satz nicht.
Wir wissen Beide was gemeint ist.
Nach einigen Sekunden geht sie in Richtung Tür.
Dann frage ich sie wieder wie es mit uns weitergeht. „Also wenn du willst…“, fängt sie in meinem Kopf an, nickt und lächelt wieder. Alles wird gut.

Es beginnt zu regnen. Natürlich.
Ich komme an einer weiteren Haltestelle vorbei und überlege kurz stehen zu bleiben. Noch immer kein Bus. Weiter.
Auf der anderen Straßenseite bemerke ich einige eingeworfene Fenster. Warum hab ich eigentlich selbst nie Fenster eingeworfen? Aus irgendeinem Grund immer etwas, was ich hätte ausprobieren wollen. Vorsichtig sehe ich mich um. Suche nach Lebenszeichen.
Noch immer wirkt die Welt um mich herum wie ausgestorben. Kurz durchstreife ich mit meinem Blick den Wegrand und greife dann nach einem Stein. Er ist kalt und nass, hat stumpfe Kanten. Dann suche ich mir ein Gebäude aus und gehe einige Schritte darauf zu. Unsicher stehe ich auf der Grünfläche vor einem heruntergekommenen Mehrfamilienhaus. In meiner Hand der Stein. Ich sehe ich mich um. Keine Menschen. Leere Fenster.
Langsam hebe ich meine Hand und mache probeweise eine Wurfbewegung. Vielleicht lieber nicht. Ich lasse den Stein wieder sinken. Dann öffne ich meine Hand. Er fällt neben meinen rechten Fuß, streift meinen Knöchel. Ich zucke kurz zusammen. Weg hier.
Ich hätte sowieso nicht getroffen. War nie gut im Werfen. Und am Ende hätte es jemand bemerkt und die Polizei gerufen. Nein, danke. Versager.

Hinter einer weiteren Kurve steht mein Bus an einer Haltestelle. Viel zu spät. Die letzten zwei Stationen hätte ich sowieso laufen können. Ich werde langsamer.
Grundsätzlich renne ich keinen Bussen mehr hinterher, hatte ich doch die Erfahrung gemacht, dass sie immer dann wegfahren würden, wenn ich sie gerade erreiche und gegen die Scheibe klopfe. Außerdem kann ich gar nicht mehr rennen. Aber der Bus fährt auch nicht.
Ich laufe bis neben die offene Tür und will einsteigen. Er ist völlig leer. Vorsichtig laufe ich an der hinteren Tür vorbei zur Vorderen. Niemand. Keine Gäste, vor allem aber kein Busfahrer.
Ich werde unsicher. Drehe mich schlagartig um. Niemand. Aber die Situation macht mir Angst. Schnell biege ich in eine Seitenstraße ein.
Am Ende der Straße rechts, geht es mir durch den Kopf. Mehrmals drehe ich mich um. Sehe in verschiedene Fenster. Fühle mich verfolgt. Aber da ist keiner. Keiner außer mir.
Letzte Kurve. Mein Laufen ist längst zu einem Humpeln geworden. Ich sehe auf die Uhr. Siebzehn Uhr Dreiunddreißig. Dann stehe ich vor ihrer Tür.

Sichtlich nervös fahre ich durch meine Haare. Überprüfe mein Spiegelbild im Glasfenster der Eingangstür. Nasse Strähnen hängen mir ins Gesicht und meine Hautfarbe scheint fast bleicher als sonst. Irgendwie ist mir schlecht. Perfekte Voraussetzung.
Dann höre ich ihre Stimme. Laut. Ängstlich. Verunsichert.
Irgendjemand ist mit ihr in der Erdgeschosswohnung. Ich ahne wer. Wünsche mir ich könnte umdrehen und später wieder kommen. Aber nein. Diesmal nicht. Vorsichtig drücke ich den Klingelknopf. Die Laute aus der Wohnung verstummen. Dann summt es. Ich drücke die Haustür auf, gehe an den Briefkästen vorbei.
Nach einigen Sekunden öffnet auch ihre Wohnungstür. Für eine kurze Ewigkeit herrscht Blickkontakt zwischen uns. Dann weicht sie aus.
Sie wirkt fertig. Zerzaust. Verunsichert, irgendwie, aber seit sie mich erkannt zu haben scheint auch wütend. Oder traurig? Auf jeden Fall kein bisschen weniger schön.
„Was ist?“, fragt sie nach mehr als einer Minute des Schweigens. Ich greife in meine Tasche, ziehe den Mp3-Player heraus und halte ihn ihr hin.
„War grad in der Gegend…“, setze ich leise an.
Sie nimmt ihn mir aus der Hand. Versucht mich nicht anzusehen.
„Danke“, sagt sie abwesend. Es klingt nicht wirklich ehrlich. Sie weicht meinen Blicken aus. Oder mir.
Ein lautes Geräusch kommt aus ihrem Wohnzimmer, als wäre etwas Schweres gegen die Tür geworfen worden. Der Schlüssel steckt von außen. Sie dreht sich nicht um. Tut als hätte sie nichts gehört. Hat sie jemanden eingesperrt?
„Daniel ist bei mir“, sagt sie auf meinen fragenden Blick hin.
Ich gebe einen zustimmenden Laut von mir. Sterbe innerlich.
„Alles okay bei dir?“, frage ich sie leise. Sie nickt. Und sie lügt.
So also sieht meine allerletzte Chance aus. Ich seufze praktisch unhörbar.
„Meinst du nicht“,  zwinge ich mich einfach aus der Verzweiflung heraus zu sagen, „dass wir… naja…“, ich stocke. Weder nickt noch lächelt sie. Nichts ist wie in meinem Kopf. Dann würgt sie mich ab: „Mach es doch nicht schwerer als es ist.“
Sie versucht emotionslos zu bleiben, schluchzt aber fast. Sie bettelt hier gerade nur um ihre Ruhe. Auch wenn sie das nicht ausspricht. Dann schließt sie Tür vor mir und ich sehe durch den immer kleiner werdenden Spalt nur noch ihren Ärmel, aus dem im letzten Moment ein dunkelroter Tropfen auf den Holzboden fällt, bevor die Tür direkt vor meinem Gesicht einrastet.
So geht es also zu Ende, denke ich. Und sinke an der Wand hinter mir auf den Boden. Verliere mich irgendwie in Gedanken. Weigere mich zu gehen.

Ich öffne meine Augen, sehe auf die Uhr. Vier Uhr Dreizehn. Ich muss eingeschlafen sein. Vorsichtig stehe ich auf. Mein Knöchel bringt mich fast um.
In ihrer Wohnung brennt immer noch Licht. Ich sehe einen Schatten. Zwinge mich, nicht zu klingeln. Erfolglos.
Dann öffnet sie wieder. Aus irgendeinem Grund bin ich erleichtert. Aus ihrer Tasche hängen die Kopfhörer des Mp3-Players und der Ärmel ihres dunkelgrauen Pullovers ist voller Blut. Ich sehe sie unsicher an. Ihre Augen sind tot, ihre Haut fahl. Ihr Atmen ist lauter als sonst. Schleppend. Keuchend. Dann kommt sie auf mich zu. Ich weiche keinen Schritt zurück. Endlich.
Sie fällt in meine Arme, wirkt noch schwächer als vor einigen Stunden und ich halte sie. Ihr Kopf schmiegt sich an meine Schulter und ihre Arme umschlingen mich geradezu. Ich drücke sie an mich.
Dann beißt sie mir in den Hals.
Ich lasse nicht los. Warmes Blut läuft über ihren Mund und mein Gesicht verzieht sich zu einem nicht schmerzlosen Lächeln. Ich ziehe sie noch fester zu mir. Will sie nicht mehr gehen lassen.
Ich wurde doch längst gebissen.
Wäre ich nicht gebissen worden und hätte ich nicht gewusst, dass ich draufgehen würde, wäre ich doch zuhause geblieben.

Und hätte weiterhin nichts aus meinem Leben gemacht.


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Okay, also vor einiger Zeit, beziehungsweise schon am 24. August hat Miss Zombie von A Zombie's Life 'n Gewinnspiel anlässlich ihres 2 jährigen Blogjubiläums gestartet. 
Ging hauptsächlich darum, dass jeder irgendwas Kreatives postet, was mit Zombies zu tun hat und obwohl ich ja eigentlich nicht an sowas wie Gewinnspielen teilnehmen kann, weil ich ja viel zu Paranoid bin irgendwo im Internet ne Adresse oder so rauszugeben, fand ich die Idee doch eigentlich ziemlich cool.
Ich bin nur halt eher selten nützlich-kreativ und mir ist bis vor'n paar Tagen nicht wirklich was eingefallen. Einsendeschluss war übrigens 31.10.2013, passendes Datum, aber ja, den hab ich verfehlt. Aber wenn irgendwer trotzdem noch Bock hat teilzunehmen, hier ist der Post. Sie denkt drüber nach die Sache zu verlängern.
Ansonsten, ist hier das, was ich geschrieben hab.


 

Kommentare:

  1. erinner mich bitte daran dass ich das noch durchlesen tu :D
    Ich bin nur gerade totmüde :)
    ABER fettes danke, du bist nr. 2 der mitgemachthaber :*

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  2. Hab' mir grade mal deine About durchgelesen und wollte nur mal so sagen, dass ich sie cool finde und du mir sympathisch vorkommst. :)

    Yuna.xo

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