Donnerstag, 8. März 2012

„Seelig sind die Vergesslichen, denn sie werden auch mit ihren Dummheiten fertig.“ - F. Nietzsche

„Ich trinke nicht.“, sie schüttelte den Kopf.
Ein abschätziger Blick, dann wurde die Flasche weitergereicht. Eine Metapher für ihr Leben, dachte sie. Man hatte sie doch immer wieder für eine von ihnen gehalten, aber so fühlte sie sich einfach nicht. Das hatte sie nie. Und niemand verstand ihren Standpunkt.
„Du bist doch ein hübsches Mädchen!“, hatten sie ihr gesagt, dabei war es doch nie ihre Absicht gewesen, ein hübsches Mädchen zu sein. Lange blonde Haare, strahlende, blau-grüne Augen und ein wirklich schönes Gesicht. Dazu war sie kein Allerweltstyp, sondern hatte etwas sehr besonderes an sich. „Ja“, dachte sie zu sich selbst, „das ist aber auch alles worauf sie dich reduzieren“. Seit Wochen quälten sie diese Gedanken. Bestimmt vier Tage lang hatte sie nicht mehr geschlafen. Wortlos starrte sie ins Nichts.
Zwei vorbeilaufende Mädchen sahen sie verächtlich an.
„Verdammt !“, jubelte ein Junge am anderen Ende des Raumes, bei dem die Flasche mittlerweile angelangt war. „Das Zeug haut wirklich rein ! Hast du das geklärt ?“. Der Gastgeber  machte eine verneinende Geste und nahm auch einen Schluck : „ Keine Ahnung von wem“, sagte er vergnügt und riss das Mädchen damit aus ihren Gedanken.
Die Musik war mittlerweile deutlich lauter als zu Beginn des Abends und auch die Anwesenden trugen ihren Teil zur Geräuschkulisse bei, aber seine Stimme hatte sich viel zu tief in ihren Kopf eingebrannt, als dass sie ihn je hätte überhören können. Langsam aber zielstrebig ließ sie ihren Blick kreisen, bis sie ihn schließlich in der Menge gefunden hatte. Er war immer noch völlig fremd für sie. Es war fast so als ob sie ihn nie gekannt hätte. Und das hatte sie auch nie. Das Mädchen wirkte emotionslos.
Direkt an seiner Seite klebte Madison. Sie verabscheute Madison. Hinter ihrer schlecht gespielten Naivität versuchte sie doch nur zu verbergen wie leicht sie zu haben war. Und jetzt hatte sie ihn, Jason, falls das überhaupt sein richtiger Name war.
Als sich jemand neben sie auf die fleckige Couch fallen ließ zuckte sie zusammen. Der Geruch von Alkohol strömte ihr in die Nase.
„Kay !“, grinste ihr der breitschultrige Junge ins Gesicht. Sie drehte langsam ihren Kopf in seine Richtung, ohne ihn direkt anzusehen und bevor sie überhaupt etwas gesagt hatte begann er auch schon irgendwelche anzüglichen Bemerkungen zu machen, während seine Augen nicht gerade unauffällig an ihrem Dekolleté klebten, wie der braun-graue Kaugummi unter ihrer Schuhsohle.
Erstaunlich wie viele Leute sie kannten. Hauptsächlich natürlich Jungs. Sie versuchte grundsätzlich rechnerisch auf der Höhe zu bleiben und war sich daher ziemlich sicher, dass sie nur etwa ein Drittel dieser Leute ebenfalls benennen konnte.
„Entschuldigung“, fiel sie ihm mitten ins Wort, „Wer bist du ?“. Der Junge sah sie ungläubig an : „Brad“, lallte er fast schon empört „Ich bin im Hockey Team !“, als ob es irgendeine Selbstverständlichkeit rechtfertigen würde. Kays Miene blieb unverändert. Als er sie weiterhin anstarrte nickte sie nur. Einen kurzen Moment schwiegen Beide dann legte er  langsam und wackelig einen Arm um sie. „Halb so wild“, meinte er dann, „Wir können uns ja kennen lernen.“ , wobei ihr seine eigentlichen Absichten durch ein schmieriges Zwinkern noch deutlicher gemacht wurden. Einer der unzähligen Gründe warum sie Männer nicht ausstehen konnte.
Kay wollte aufstehen und bewegte sich dabei so nach vorne, dass der betrunkene Bradley, es als Aufforderung verstehen musste. Für den Bruchteil einer Sekunde presste er seine Zunge gegen ihre verschlossenen Lippen und seine rechte Hand gegen ihre linke Brust. Mehr Zeit blieb ihm nicht, denn Kay sprang augenblicklich von ihm weg. In Brads ärgerlich verwirrtes Gesicht traf ihre flache Hand. Dieser wollte sie am Arm packen, sie aber wich aus woraufhin er torkelnd vornüber kippte.
„Schlampe!“, rief er ihr vom Boden aus hinterher während sie mit gleichmäßigen Schritten den Raum verließ.
Die Küche glich eher einem Lagerraum für verdrecktes Geschirr. Im und um das Waschbecken stapelten sich verkrustete Teller, Gläser und auch einige Plastikbecher. Auf dem Tisch standen noch die Überreste des Kuchens. Ungeachtet dessen ging Kay langsam aber bestimmt in Richtung Hintertür. Als sie diese hinter sich geschlossen hatte verlor sich ihr Blick im Nachthimmel. Sie ließ sich auf der Veranda nieder und starrte geistesabwesend den Sternen nach. Ein kleiner Schimmer irgendwo in der Ferne erregte ihre Aufmerksamkeit. Das Mädchen sah dem Funkeln einer Sternschnuppe hinterher und ihr rechter Mundwinkel zuckte kurz. Sie erweckte fast den Eindruck lächeln zu wollen, als die Tür wieder aufging und ihr Gesicht zum erstarren brachte.
„Hey“, brannte es in ihren Ohren.
Kay wandte ihren Blick nicht ab. Ihre Sternschnuppe war blitzartig verflogen.
„Du hast mir ja noch gar nicht gratuliert.“, sagte die Stimme spöttisch. Jason ließ sich neben ihr nieder.
„Und wo ist eigentlich dein Geschenk ?“, er nahm einen Schluck und warf die mittlerweile leere Flasche in Richtung eines Gebüschs. Kay blieb schweigsam.
„Weißt du“, sagte Jason spöttisch und zog an ihrem Oberteil, „würdest du nicht immer rumlaufen wie auf ’ner Beerdigung wären wir vielleicht noch zusammen.“
Sie zog ihre Schulter von ihm weg und sah weiterhin in den Himmel.
„Oh seht mich an“, scherzte er, „niemand versteht mich ! Ich bin ja so anders !“
Jason lachte. „Madison ist wenigstens ein richtiges Mädchen, denk was du willst.“
Ja. Madison war ein richtiges Mädchen.
Weil sie ihn ranließ. Weil sie doch immer jeden rangelassen hatte der nur ein bisschen dazugehörte. Oder weil sie aussah wie ein gottverdammte Schaufensterpuppe ?
„Und hätte ich gewusst“, fuhr Jason fort, „dass du so eine bist, hätte dich doch eh nicht genommen.“
Natürlich. Er hatte sie für eine von ihnen gehalten. Kay wirkte weiterhin distanziert, aber innerlich prasselten diverse Gedanken auf sie ein.
Jason hatte sich von Anfang an leichtes Spiel erhofft. Doch sie war die erste, an der er sich anfangs die Zähne ausbeißen musste. Das Mädchen war schon immer resistent gegen billige Flirtversuche gewesen.
„Es ist deine eigene Schuld“, lachte der Junge, als wäre er der Hauptgewinn, den sie gerade verspielt hätte.
Durch die anfängliche Abfuhr hatte er dazugelernt, gab sich verletzlich, tiefgründig, nachdenklich und erregte schließlich doch ihr Interesse und Kay ließ sich auf einen Jungen ein, der nichts von dem war was er vorgab. An ihrem Charakter kein Stück interessiert, war er dafür aber ein verdammt guter Schauspieler.
Schlimmer als etwas nicht zu finden was man sucht, ist zu glauben es gefunden zu haben, während man blind einer Lüge folgt.
Sein Magen grummelte.
„Hab’ mich wohl übernommen“, grinste er, dann stand er auf.
Eine Träne lief aus Kays linkem Auge langsam und schnurgerade über ihre bleiche Wange.
Der Junge lachte. Wie es aussah hatte er gewonnen.
„Genieß die Party !“, sagte er, „Werd’ lockerer und fang mal an dich ein bisschen normaler zu benehmen, dann hast du vielleicht irgendwann noch ne Chance“, spöttisch zwinkerte er ihr zu und ging zur Tür.
Das Mädchen saß immer noch auf der Veranda und wischte sich die Träne aus dem Gesicht.
„Ach Kay“, sagte Jason und drehte sich noch einmal in der offenen Tür um. Er sah kurz in den Garten und dann zu ihr.
„Du weißt nicht zufällig, wer den Rum für uns geklärt hat ? Haut einen echt weg ! Hättest du probieren sollen !“, er lachte wieder, dann grummelte sein Magen.
Langsam drehte sich Kays Kopf in seine Richtung. Das Mondlicht ließ ihre Züge noch bleicher erscheinen und verlieh ihr damit eine kränkliche Schönheit. Erneut zuckten ihre Mundwinkel.
Jasons Gesichtsausdruck veränderte sich schlagartig. Er begann zu husten.
Das Mädchen dagegen lächelte. Ihre Augen lagen im Schatten während der Rest ihres Gesichtes in nächtlichem Licht getränkt war.
„Happy Birthday“, sagte sie leise, als der Junge vor ihr zusammenbrach.
Jason versuchte sich mit einer Hand abzustützen und hustete Blut auf den Terrassenboden. Schließlich gab er nach und sackte zusammen.
Im Wohnzimmer sah es ähnlich aus. Als der erste kollabiert war hatte sich Panik breit gemacht, doch schon kurze Zeit später, war diese völliger Stille gewichen.
Kay stieg über einige Körper und nahm einem Mädchen ihr Handy aus der Hand.
„Alles in Ordnung“, sagte sie der Notrufzentrale am Ende der Leitung und legte auf. Danach rollte sie Brads leblosen Körper vom Sofa und ließ sich auf selbiges fallen.
Langsam schloss sie die Augen.
Sie schlief.
Endlich wieder.

Kommentare:

  1. Denkst du nicht, ein Cape wäre zu dick aufgetragen? o:

    Dein Schreibstil gefällt mir sehr. Und der Text ist sehr, nun, wie soll ich sagen, fesselnd.
    Wäre doch eine schöne Vorlage für einen Kurzfilm^-^

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ja, das wöre eine Idee. :3 Mal sehen, vielleicht komme ich wirklich dazu mir ein Cape zu schneidern. ^-^

      Du kannst ja ein Casting machen und Leute suchen. :D

      Löschen
    2. Na gut ^-^ Dann zählt deine Stimme für alle Leser. xD
      Welche Farbe soll es denn haben? o:

      Ach, es gibt bestimmt genügend Leute, die da mitmachen würden. Einfach aus Spaß an der Sache. (: Einen Versuch wäre es bestimmt wert. Man könnte ja auch übers Internet casten, mit Videobewerbungen oder sowas. (Und dann schleus' ich mich undercover ein :D)

      Ich bin auch sehr stolz auf unser Meisterwerk. Hoffentlich bekommen wir dafür einen Filmpreis o:

      Löschen
    3. Beißen sich knallrot und gelb nicht irgendwie? o: Hm, mal schauen. Die Grundidee ist aber sehr schön, das wird so umgesetzt. Jetzt muss ich nur noch nähen lernen. xD
      Wozu haben Menschen zwei gesunde Beine? :D Naja, vielleicht schafft man es ja wirklich Leute zusammenzubekommen, die nicht allzu weit weg wohnen und mit Bus und Bahn oder Auto oder Tretboot anreisen könnten. ^-^ Und klar, das würde ich mir nicht entgehen lassen. :3


      Ehhh... o: Das sind alles nur Gerüchte. Mr. Orange ist wohl auf... x:

      Löschen
  2. richtig, richtig gut geschrieben. und kay ist mir richtig, richtig sympathisch, einfach.. ich kann nicht ganz sagen warum. aber sie's so cool :3
    gefällt mir wirklich! xo

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. erstmal dankeschön ^-^ dabei ist das alles in vllt 5 minuten schnell hingeschmiert und noch.. extrem unfertig. und ach, ich hatte auch mal gelbe Wände.. fand ich damals eigentlich schön. jetzt sind sie weiß & rot, aber gut^^
      mh, same here. ist bei mir im Frühling irgendwie immer so - alle andren kriegen Frühlingsgefühle, ich werd x mal fauler als sonst und reg mich über alles auf *lach*
      und das kenn ich, zwar nicht von meiner Fam, aber manchen Freunden manchmal.. muss schlimm sein, sich von der Familie sowas anhören zu können :0
      und pff, ich schreib zwar schon ne ganze Zeit lang, aber ich bin weder gut noch sonst was, also.. so BÄM ist das jetzt nich^^ aber sie's wirklich cool. also Kay. die Story sowieso.. ich weiß nicht, ich steh voll auf sowas. und bitte, bevor du irgendwas mal nicht hochlädst, weil du denkst, es wird keiner mögen.. denk dran, dass es irgendwo immer Freaks wie mich gibt, die sowas gern lesen ^-^
      LG zurück!

      Löschen
  3. Achso und einen Blogaward für dich :D

    AntwortenLöschen
  4. Geil.
    Ti, du musst öfters schreiben. *-*

    AntwortenLöschen